Historie

Die Mille Miglia: Ein Festival der Automobilität

Das Format der Straßenrennen hat eine lange Tradition: In den frühen Tagen des Kraftverkehrs wurden Wettbewerbe auf öffentlichen, für diesen Zweck kurzzeitig abgesperrten Wegstrecken abgehalten. Der Brauch wird noch immer gepflegt, etwa bei Rallyes. Aber auch der Grand Prix von Monaco findet noch immer auf einem Rundkurs durch das Fürstentum statt, dessen Trassen an 360 Tagen im Jahr zum normalen Straßennetz gehören.

In Italien gab es seit 1906 die Targa Florio: eine knapp 150 Kilometer lange Schleife auf den eher dürftig ausgebauten Straßen Siziliens, die von den Rennteilnehmern dreimal umrundet werden musste.

Doch für vier junge Auto-Verrückte aus der Lombardei war Sizilien in den 1920er Jahren zu weit. Graf Franco Mazzotti, Graf Aymo Maggi und zwei Bürgerliche – Renzo Castagneto und Giovanni Canestrini – wollten von ihrer Heimatstadt Brescia aus Rennen fahren. Sechszehn Monate lang arbeiteten sie einen Kurs aus, holten Genehmigungen ein und sorgten für die damals aufwändige Logistik von Treibstoff- und Ersatzteilversorgung, dann wehte am 26.März 1927 zum ersten Mal die Startflagge in Brescias Via Rebuffone.

Die Strecke verlief über in jenen Tagen meist unbefestigte Landstraßen und hatte eine geradezu mörderische Länge: etwa 1600 Kilometer. Was umgerechnet 1000 Meilen ergab und der Veranstaltung zu ihrem Namen mit der hübschen Alliteration verhalf: Mille Miglia. Die Sieger des ersten Jahres brauchten gut 21 Stunden, bis sie, abermals in Brescia, durchs Ziel fahren konnten. Für Menschen und Material eine unglaubliche Strapaze, die jedoch nicht nur professionelle Rennteams mit entsprechend ausgerüsteten Boliden auf sich nahmen. Auch ganz normale Tourenwagen nahmen teil, später sogar Kleinwagen wie der Fiat 500 oder der Renault 4CV.

Im Jahr 1930 schaffte der legendäre Rennpilot Tazio Nuvolari die tausend Meilen mit seinem Alfa Romeo bereits in 16 Stunden. Im Jahr darauf gab es dann den ersten deutschen Sieger: Rudolf Caracciola auf Mercedes. 1940 gewann Huschke von Hanstein mit einem aerodynamisch verbesserten BMW 328 – allerdings auf einem deutlich entschärften Kurs, der über neun Runden à 165 Kilometer nur durch die Po-Ebene führte. Im Jahr 1954 fuhr Hans Hermann abenteuerliche Manöver mit einem Porsche 550.

Nach Caracciola und Hanstein siegte nur noch ein dritter Ausländer: Stirling Moss (geboren 1928, eine der letzten lebenden Legenden aus der Zeit, als große Autorennen nicht nur ein Zirkus fürs Marketing waren) bewältigte im Jahr 1955 die tausend Meilen mit seinem Mercedes 300 SLR in gut zehn Stunden. Sein Durchschnittstempo von gut 157 Stundenkilometer mutet in Anbetracht der Straßenverhältnisse – unmarkierte Landstraßen mit geflickten Asphaltdecken, Stadtdurchfahrten auf Kopfsteinpflaster, unübersichtliche Kurven und Kuppen – noch heute atemberaubend an. Und wurde danach nie wieder erreicht.

Die Mille Miglia nimmt jedes Jahr eine etwas andere Strecke, verläuft jedoch im Uhrzeigersinn über die nördliche Hälfte der Apennin-Halbinsel. Start ist immer in Brescia. Am Gardasee vorbei führt die Route an die Adria und dort nach Süden, dann durch die Marken, durch Umbrien und Latium an die Westküste. Seit 1938 ist immer Rom der Scheitelpunkt, an dem die Route sich wieder nach Norden kehrt. Auch die Überquerung des gut 900 Meter hohen Futapasses zwischen der Toskana und der Emilia Romagna gehört traditionell zu jeder Mille Miglia, die immer in Brescia endet.

Im Jahr 1957 kam es auf der letzten Etappe nach einem Reifenschaden zu einem schweren Unfall mit Todesopfern, auch unter den Zuschauern. In der Folge wurde das Straßenrennen verboten. In den 1970ern griffen jedoch Autobegeisterte die Idee einer Wettfahrt durch Norditalien wieder auf – und starteten eine Rallye mit historischen Fahrzeugen auf den historischen Routen. Anfangs fand diese „neue Mille Miglia“ im Zwei-Jahres-Rhythmus statt; seit den 1980ern fahren jedoch jährlich am langen Himmelfahrtswochenende über 800 Oldtimer einen immer wieder neu entworfenen Rundkurs über 1000 Meilen durch Norditalien.

Die „moderne Mille Miglia“ ist aufgeteilt in vier Tagesetappen. Das Tempo und die Streckenführung beanspruchen die betagten Teilnehmer-Autos und ihre Piloten noch immer bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Doch wird nicht mehr auf Tempo gefahren, sondern auf Gleichmäßigkeit. Das mindert die Gefahren massiv, nicht jedoch die Spannung.

Teilnehmen dürfen nur Autotypen, die auch für das historische Straßenrennen qualifiziert waren. Sie stammen also alle aus den Jahren zwischen 1925 und 1957. Und weil auch viele Klassiker mitfahren – Porsches der Modellreihen 356 und 550, Mercedes Flügeltürer und offene 300 SL, BMWs, Bentleys, Jaguars, Ferraris, Lancias und Alfas aller Baureihen aus jener Zeit – deshalb ist die Mille Miglia heute eine Art Volksfest geworden. Hunderttausende säumen die Straßen bei den Stadtdurchquerungen, entlang der Gebirgspassstraßen lagern die Zuschauer auf großen Picknickplätzen.

Für Autobesitzer und für die Herstellermarken ist die moderne Mille Miglia längst zu einer jährlich wiederkehrenden Feier geworden. Zu einem Festival der Automobilität, das inzwischen auch von zahlreichen Unternehmen gesponsert wird, die allenfalls mittelbar mit dem Kraftfahrwesen zu tun haben: vom Edel-Uhrenhersteller Chopard, vom Luxuskonzern Coty, den Sheraton-Hotels und der Airline Alitalia. Auch hier werden Geschäfte gemacht, doch leidet darunter nicht die Freude an der Schönheit und der Technik von klassischen Automobilen, am stilvollen Reisen durch wilde, malerische oder romantische Landschaften, durch traditionsreiche Städte und entlang historischer Routen.

Im Gegenteil: in vielen Fällen wird sie durch die großzügige Förderung sogar weiter befeuert und beflügelt.

Eine Antwort zu “Historie

  1. hallo, ihr zwei helden der landstrasse, pardon, drei, incl. dem kleinen kühlen blonden dort. werde mich via mille miglia dolce vita abo bei euch auf den rücksitz klemmen und einfach immer mal mit dabei sein.
    die route nationale war schon großartig.
    euch allen eine wunderbare tour, interessante begegnungen und formidables wetter.
    ciao bello
    marion

    Gefällt 1 Person

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